rush!

1, track 5 - Variation
2, track 6 - Original

Doppel-CD: Christian Kesten & Mark Trayle / Annette Krebs | The Berlin Series no 2 | Another timbre at73

Besprechung von Thomas Millroth, Soundofmusic, 2014:

http://www.soundofmusic.nu/recension/berlin-series-no2-christian-kesten-mark-trayle-annette-krebs

 

Übersetzung (Auszüge):

Eine gemeinsame CD mit aktueller Musik aus Berlin. (...) Elektronik, Umgestülptheit, Picken in Klängen. Grosse Würfe dazwischen. Kesten und Rayle tun was ich erwarte. Und ich höre das gern. Aber das grosse Ereignis sind doch Annette Krebs’ zwei Fassungen desselben Stücks, die sie genau für ihr Instrument vorbereitet hat. Die Musik ist wie das Ausfegen meiner Ohren, ab und zu wird sie von einer Stimme unterbrochen. Und ich weiss, hier spielt eine der wirklich bedeutenden Akteure der Gegenwartsmusik, und das Ergebnis muss ein Höhepunkt ihres aufgenommenes Oeuvres sein.

(...)

Alles ist sehr typisch für die experimentelle Szene in Berlin, ob man noch wirklich von Experiment oder Impro reden kann, hier gibt es ja schon seit Jahren recht allgemeine Wege. So denke ich nach, während ich mein eigenes Zimmer mit dieser schönen Musik fülle. Geräusche, Dissonanzen auch etlichen rätselhaften Charakters, was mich ein bisschen verwirrt, das heisst, ich verstehe nicht woher der Klang kam, wo und wie er erstand. Nichts stört mich, ich höre ruhig weiter.

Dann aber. Dann aber folgen zwei Werke von Annette Krebs und nichts bleibt wie vorher. Zwei Fassungen desselben Stückes für elektroakustische Gitarre, Stimme und Elektronik.

Sie war schon vor zwanzig Jahren dabei, als die Echtzeitmusikszene entstand. Die Gitarre wurde dekonstruiert, verfremdet, oder lieber, sie erforschte alle der Möglichkeiten die in dem Instrument vorhanden waren, durch Berührung und Verstärkung. Verwandlung des Vorhandenen. Sie beherrscht all ihre Mittel genau wie ein spezialisierter Komponist. Oder sogar darüber hinaus. Letztlich waren immer das Live spielen, die Aufführung der Musik, ein wichtiger Parameter. Die Impro-Musikerin Annette Krebs hört Musik vielfältiger als viele andere Musiker/innen.

Das alles wusste ich aber schon, als ich diese CD zum ersten Mal hörte. Aber so, scheint es mir, ist jetzt etwas passiert. Nichts ist wie vorher.

Sie hat ihre Position versetzt, vor sich geschoben, mehr als gewöhnlich. Das ist offensichtlich in diesen zwei Stücken. Ich höre auch, wie gut sie jede Ausdrucksmöglichkeit ihres Instrumentes kennt und verwendet.

Und es ist gut. Es ist so gut dass ich nachher total empört bin. Hier war keine Ruhe, aber eine Musik die alle Faulheit des Hörens und Denkens aufgerissen hat. Obwohl sie leise ist und teils sogar zerstreut erscheint.

Ich muss, ich will diese Musik wiederholt hören.

Ich erkenne einige ihrer Eingriffe in dem leisen Verlauf der Musik. Es hört sich an, als klopfe sie an an das Schweigen um das Rauschen hinter der Wand hören zu können. Ich erkenne auch einer ihrer Leuchtgranaten, wenn sie plötzlich mitten im Spielprozess eine Stimme hineinlässt. Ein Krach. Ein vokaler Klaps, eine verbale Bombe.

Dann folgt Stille, und selten gelingt es den Mitspielern dann da auf derselben Ebene wie Krebs zu bleiben.

Denn, wie antwortet man auf einen Schlag ins Gesicht - (Bemerkung: auf die Nase? – eigentlich schreibe ich `käftsmäll` und das ist humorvoll, lieblich, aggressiv, volkstümlich = Fressehau…hier sagt man auch `smällkyss` = ein Kuss der laut und liebevoll ist – deshalb die folgende Wendung) -, der im Grunde doch ein Kuss ist?

Es ist eben diese Spannung, die Krebs verwendet und zergliedert.

Diese Spannung wäre auch möglich als einen musikalischen Raum zu beschreiben, in dem die Wände wegen eines plötzlichen Klanges zerspringen, oft handelt es sich um eine Stimme oder etwas aus dem Rundfunk. Aber Immer sehr kurz.

Kleine Klänge und Geräusche bewegen sich in ihrer Musik, verstecken sich wie Staubratten hier und da in den Ecken. Aber sie leuchten auch, weil sie Spuren von jemandem sind. Wie Haare oder Fingerabdrücke. Sie bewegen sich nur ein wenig, aber sie sind da und schaffen Schattierungen und ein fast unmerkliches Schattenspiel.

Diese Stimmen die auftauchen sind unerwartet, aber auch komisch und bewegend, und sie sind eine Art Verlängerung des Unbemerkten, das ja auch die Struktur schafft. Was nur leicht spürbar ist.

Verschiedene Extreme, gewiss, aber sie sind ja Echos derselben Erscheinung, die ich als Jemand beschreiben möchte; ein Here Comes Everybody – laut Joyce. (HCE= aus Finnegans Wake)

Dieser HCE sei sicher Krebs selbst. So empfinde und höre ich diese Spannung. Und beim Aufmachen der Fenster - Geräusche ausserhalb des Studios hineinlassend - fühle und höre ich, dass ich mich in demselben Raum befinde. Ich sitze nebenan. Oder umgekehrt. Draussen passiert das andere Leben. Geknister, Rauschen und der akustisch wie auch elektronisch fleckige Klang von fast nicht hörbaren Schichten war nie deutlicher als hier.

Es ist ein Platz wo ich mich gern befinde. HCE und ich wechseln dabei in dem selben Raum unaufhörlich die Identität (und überhaupt).

Krebs schafft dabei ein inneres Gespräch in dem Du und Ich, Ich und sie, nicht zu trennen sind. Es geht darum sich selbst im Spiegelbild des anderen zu entdecken, es geht um die Anrede.

Vielleicht klingt es zu hochtrabend und von der musikalischen Praxis weit entfernt. Aber ihre Musik spielt sich zwischen fast kaum spürbaren Ablagerungen und plötzlichen und unerwarteten Augenblicken ab. Und nicht nur zwischen – sie öffnet diesmal auch parallele Räume, was eine neue Art schöner Verwirrung schafft.

(...)

Annette Krebs neues Werk steht unwidersprochen und unwiderstehlich da, und ist außerdem ein Höhepunkt in der Gegenwartsmusik. Sie fordert sich immer selbst heraus. Kaum ein anderer Spieler vermag das, die meisten sind damit zufrieden sich selbst zu ähneln. Sie aber nicht. Der Begriff Experiment ist missbraucht, aber passt gut hier. Weil sie immer wieder ihre eigene Praxis in Frage stellt und dabei auf einer Ebene, die, wie gesagt, fast einmalig ist. Keine Treue sich selbst gegenüber – oder vielleicht eben das. Sie weiß es besser, als bei sich selbst und ihrer Vorstellung zu bleiben - alles muss veränderbar sein.

Sie hat gesagt, nun wendet sie sich von der Gitarre ab.

Ich hoffe es aber nicht, warte auf das Andere, das Andere, was immer bei Krebs auftaucht.


Übersetzung: Thomas Millroth
Lektorat: Sven- Åke Johansson