Annette Krebs arbeitet an der Schnittstelle von elektroakustischer Komposition, Improvisation und Klangforschung. Innerhalb ihrer Projekte und Kollaborationen erforscht sie neue Herangehensweisen an elektroakustische Musik und Sound in Verbindung mit Field Recordings, Instrumentalmusik, Video und Performance.

Seit 1993 lebt und arbeitet sie in Berlin und war um das Jahr 2000 eine der Pionierinnen der Echtzeitmusik. Nachdem sie ihr Instrument, die Gitarre, nach und nach dekonstruiert hat, entwickelte sie ab 2005 Live-Kompositionen für Mischpulte, Computer, Objekte und mehrere Lautsprecher.

Seit 2013 entwickelt sie die Serie Konstruktion#: Metallstücke, Glas, Papier, Folien, Saiten und andere Materialien werden instrumental bespielt und mikrofonisch verstärkt. Ihre Klänge werden live im Computer durch Tablets und Sensoren gesteuert, prozessiert und abgemischt.

Sie tritt weltweit bei Konzerten und Festivals auf, u.a.:Akademie der Künste, Heroines Of Sound Festival, Kontakte Festival (Berlin), Donaueschinger Musiktage, EMS Elektronmusik Studion(Stockholm), TonalÁtonal (Mexico City), Serralves em Festa(Porto), Sonic Arts Research Centre (Belfast), NOTAM (Oslo), Audio Foundation(Auckland), Mona Foma Festival (Tasmania), Festival Internacional de Arte Sonoro Monteaudio (Montevidéo), Conservatoire De Rennes, Namless Sound (Houston), SAIC-School of the Chicago Art Institute, Universidad de Los Andes (Bogotá), Janáček Academy of Music (Brno)

Ihre Musik wurde durch zahlreiche Stipendien gefördert, u.a.: Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Berlin; Goethe-Institut; Cité Internationale des Arts Paris; Akademie der Künste, Berlin; EMS Elektronmusik Studion, Stockholm, und in Radiound presse vorgestellt, u.a. Positionen-Texte zur aktuellen Musik, Deutschlandradio Kultur, WDR-3, BR Klassik, His Voice (CZ), The Wire- adventures in sound and music (UK).

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Konstruktion#4

 “Kleine Klänge und Geräusche bewegen sich in ihrer Musik, verstecken sich wie Staubratten hier und da in den Ecken. Aber sie leuchten auch, weil sie Spuren von jemandem sind. Wie Haare oder Fingerabdrücke. Sie bewegen sich nur ein wenig, aber sie sind da und schaffen Schattierungen und ein fast unmerkliches Schattenspiel.
Diese Stimmen die auftauchen sind unerwartet, aber auch komisch und bewegend, und sie sind eine Art Verlängerung des Unbemerkten, das ja auch die Struktur schafft. Was nur leicht spürbar ist. Verschiedene Extreme, gewiss, aber sie sind ja Echos derselben Erscheinung, die ich als Jemand beschreiben möchte; ein Here Comes Everybody – laut Joyce. (HCE= aus Finnegans Wake)
Dieser HCE sei sicher Krebs selbst. So empfinde und höre ich diese Spannung. Und beim Aufmachen der Fenster – Geräusche ausserhalb des Studios hineinlassend – fühle und höre ich, dass ich mich in demselben Raum befinde. Ich sitze nebenan. Oder umgekehrt. Draussen passiert das andere Leben. Geknister, Rauschen und der akustisch wie auch elektronisch fleckige Klang von fast nicht hörbaren Schichten war nie deutlicher als hier. Es ist ein Platz wo ich mich gern befinde. HCE und ich wechseln dabei in dem selben Raum unaufhörlich die Identität (und überhaupt). Krebs schafft dabei ein inneres Gespräch in dem Du und Ich, Ich und sie, nicht zu trennen sind. Es geht darum sich selbst im Spiegelbild des anderen zu entdecken, es geht um die Anrede.
Vielleicht klingt es zu hochtrabend und von der musikalischen Praxis weit entfernt. Aber ihre Musik spielt sich zwischen fast kaum spürbaren Ablagerungen und plötzlichen und unerwarteten Augenblicken ab. Und nicht nur zwischen – sie öffnet diesmal auch parallele Räume, was eine neue Art schöner Verwirrung schafft. (…)
Annette Krebs neues Werk steht unwidersprochen und unwiderstehlich da, und ist außerdem ein Höhepunkt in der Gegenwartsmusik. Sie fordert sich immer selbst heraus. Kaum ein anderer Spieler vermag das, die meisten sind damit zufrieden sich selbst zu ähneln. Sie aber nicht. Der Begriff Experiment ist missbraucht, aber passt gut hier. Weil sie immer wieder ihre eigene Praxis in Frage stellt und dabei auf einer Ebene, die, wie gesagt, fast einmalig ist. Keine Treue sich selbst gegenüber – oder vielleicht eben das. Sie weiß es besser, als bei sich selbst und ihrer Vorstellung zu bleiben – alles muss veränderbar sein.”

Originaltext in Schwedisch über rush! von Thomas Millroth, SoundOfMusic, SE, 2014
Deutsche Übersetzung: Thomas Millroth